Zusammenfassung

Die Nomade ist ein Forschungsschiff, welches vom neu entstandenen Cassianischen Commonwealth auf eine historisch bedeutsame und von der Öffentlichkeit hochgelobte Entdeckungsmission entsendet wurde. Nach unzähligen Begegnungen mit ungewöhnlichen Lebensformen in den Weiten der bisher unerforschten Galaxie, verschwand die Nomade unter ungeklärten Umständen und wurde nie wieder gesehen ...

107 v.E. Die Reise der Nomade

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Teil 1 Reise ins Unbekannte

Aus dem blendenden Licht, das seinen Helm ausfüllte, leitete Captain Sonoda ab, dass ihm noch dreizehn Minuten blieben, bevor der explodierende Nebel über seiner Schulter ihn und die vierhundert Menschen auf der anderen Seite der einen Meter dicken Vibranium-Hülle knusprig durchbraten würde. Wenigstens war die Aussicht ganz ordentlich.

„Cap?“ Die Erste Offizierin Veska klang, als würde sie direkt neben ihm am Rumpf des antriebslosen Raumschiffs am Rand des Weltalls entlangklettern. „Wir müssen uns beeilen.“

„Krint?“ Er blickte hinab zu dem Tech-Offizier weit unter ihm. Der Junge hatte hier draußen nichts verloren. Ein sehr fleißiger Ingi aus einer Bauernfamilie, dessen Vater beim Stapellauf der Nomade vor Stolz geweint hatte. Aber die Reparatur-Drohne war mal wieder kaputt, und Schade war tot. Sonoda hatte versprochen, sich um den Jungen zu kümmern, was auch immer das in den Tiefen des Weltraums genau bedeuten mochte. „Jetzt.“

Er steckte die Kabel zusammen, die er in Händen hielt, während Krint weit unter ihm den Schalter umlegte und die Notenergie wieder dahin leitete, wo sie hingehörte, bevor sie den Energiekern röstete. Ein Zittern ging durch die Nomade. Blaue Flammenzungen zuckten aus den Boostern, und durch die Helligkeit war von Krints schlaksigem Körper nur noch die Silhouette zu sehen, als er begann, zurück nach oben zu klettern. Sonoda schaltete das Lichtbogenschweißgerät aus. Die Verkleidung schloss sich. „Erledigt“, sagte er. „Wir kommen rein.“ Glück gehabt. Mal wieder.

Als erste Raumfahrer der cassianischen Zivilisation war es schon ein Triumph, überhaupt so lange überlebt zu haben. Wie durch ein Wunder war seit dem Start ihrer Mission erst ein Jahr vergangen. Dabei hatten sie in dieser Zeit mehr Wunder gesehen, als sie es in einem Leben überhaupt für möglich gehalten hätten. Organismen auf Plasmabasis, die erstaunt waren, dass fleischliche Wesen wie Menschen existierten, geschweige denn die Raumfahrt entdeckt hatten. So gewaltige Vulkanausbrüche, dass sie den Schiffsrumpf im Orbit beschädigten. Humanoide Granitwesen mit enormen Kampffähigkeiten. Riesige Würmer aus Dunkler Materie, die sich von Schwarzen Löchern ernähren. Maschinenintelligenzen, die ganze Welten zu ihrer Spielwiese machten. Quallen so groß wie Wale, für die die Nomade zum Glück zu klein war, als dass sie sie überhaupt bemerken würden. Entitäten, die jeder Beschreibung trotzen. Alle faszinierend. Keine davon ihren Anforderungen entsprechend.

Sonoda zog sich an den Sprossen am Rumpf entlang in Richtung der Einstiegsluke. „Captain, Moment noch!“, sagte Wissenschaftsoffizier Thekford in seinem anderen Ohr. Für den neuen Wissenschaftsoffizier der Nomade war das eine ungewöhnlich wortreiche Äußerung. „Wir empfangen eine Energiesignatur. Sie ist ... merkwürdig. Eine zyklische Strahlungsbandbreite, wie wir noch keiner begegnet sind. Zehn Grad Steuerbord von Ihnen.“

Sonodo widerstand dem Drang, sich umzudrehen und einen Blick auf die sich auftürmenden, ineinander verschlungenen Nebel zu werfen. „Zeigen Sie's mir in zehn Minuten.“ Er zog die Schultern ein, um an Bord und in die Dekompressionskammer zu springen, die sich neben ihm geöffnet hatte.

„Es oszilliert mit mehr als einer Milliarde Ergs pro Sekunde.“

Sonoda erstarrte.

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Teil 2 Edle Ziele

Dem Start der Nomade waren wochenlang die gewaltigsten Feierlichkeiten in der Geschichte des Planeten vorangegangen. Champagnerparaden, feintes Zuckerwerk und unzählige Feste.

Nach Jahrhunderten voller zerstörerischer Streitigkeiten war Cassus endlich geeint. Alle hatten sich unter einem gemeinsamen Banner versammelt. Das Leben der eigenen Nachkommen wurde nicht mehr für die Umverteilung schwindender Vermögenswerte geopfert. Der Wohlstand des Planeten stand auf stabilen Füßen. Doch es wartete eine ganze Galaxie mit weit größeren Reichtümern und der erste Schritt bestand darin, diese entfernten Welten zu erkunden und ihr Potenzial einzuschätzen.

Die Cassianer wollten in ihrem unbändigen Forschungsdrang die unzähligen Lebensformen unbedingt kennenlernen und scheuten daher weder Kosten noch technologische Anstrengungen – die Raumfahrt erhielt oberste Priorität. Zu Beginn hatte es die üblichen Sackgassen und Wachstumsprobleme gegeben, wie sie jeder Expansion zu „Eigen“ sind. Mehr als zehn Jahre wurde debattiert, ob man überhaupt eine bemannte Expedition ins All schicken sollte, aber letztlich kam man überein, dass interstellare Beziehungen zu wichtig waren, um sie Maschinen zu überlassen.

Der Bau der Nomade selbst dauerte fast einhundert Jahre. Die Auswahl der Crew sogar noch länger. Die Personen mit dem größten Interesse an den Wundern des Universums waren nicht notwendigerweise mit Körpern gesegnet, die für längere Aufenthalte im All geeignet waren, von den zu erwartenden Bedingungen auf den zu erforschenden Planeten ganz zu schweigen. Personal, das dazu imstande war und zudem seine Aufgaben erfüllen konnte, musste nicht nur ausgebildet, sondern förmlich über mehrere Generationen herangezüchtet werden, gefolgt von Verbesserungen auf allen Ebenen, von der metabolischen Knochendichte bis hin zu Kenntnissen der Diplomatie.

Sonoda hatte sich ein Vetorecht für alle Crewmitglieder vorbehalten. Nach Jahrzehnten der Ausbildung und Selbstdisziplin war er der Ansicht gewesen, vor emotionalen Bindungen gefeit zu sein.

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Teil 3 Zustand kritisch

Sonoda wechselte zu einem privaten Kanal. „Eine Milliarde ist unmöglich. Das wäre mehr als ...“

„Die Energie einer Billion Supernovae. Und sie wird sekündlich abgestrahlt. Aber die Intervalle werden größer. Wenn wir warten, verlieren wir sie.“

Sonoda zog eine Antenne aus seinem Helm, stellte die Oszillationsrate ein und scannte den Sternenbereich zu seiner Rechten, den die große Kurve der Nomade gerade langsam abflog. Zahlen flackerten über sein HUD, als er den Vorgang zweimal wiederholte.

„Befehle, Sir?, fragte Thekford. An seinem Ton erkannte Sonoda, dass Thekford die Berechnungen ebenfalls durchgeführt hatte. „Weit jenseits von allem, was uns bisher begegnet ist.“

„Wir können sie wiederfinden, sobald wir hier raus sind“, sagte Veska schneidend.

„Zu weit“, entgegnete er.

„Sir, die Triebwerke laufen gerade erst an. Und außerdem ist sie so weit entfernt, dass wir es keinesfalls mehr zurückschaffen. Sofern uns die Gravitation nicht ohnehin zerreißt oder unsere Instrumente einschmilzt.“ Ihre Stimme hatte einen beschwörenden Unterton. „Das ist es nicht wert, Goren.“ Er wartete. Sie fuhr fort: „Unsere Mission lautet, dass wir zurückkehren und Bericht erstatten.“

Sie hatte zwar „Recht“, aber da waren die eine Milliarde Ergs!

Er sah in die offene Einstiegsluke. Es war nur Platz und Zeit für eine einzige Dekompression. Er blickte nach unten. Krints Hand griff nach der Sprosse nur Zentimeter unterhalb von Sonodas Knöcheln. Der Junge grinste mitsamt seinen Zahnlücken zu ihm hinauf und war augenscheinlich sehr erleichtert.

„Die Mission“, dachte Sonoda. „Das ist alles, was zählt.“

Als Krint nach der nächsten Sprosse griff, trat Sonoda mit dem Fuß Krints Visier ein. Er sah noch Krints erstaunten Blick, gepaart mit blankem Entsetzen. Dann trat Luft aus, das junge Gesicht mit den Sommersprossen wurde blau, und der Körper löste sich und trieb Richtung Nebel.

Sonoda glitt in die Einstiegsluke und sah beim Umdrehen, wie sie sich langsam schloss. Bis durch seinen Anzug spürte er, wie die Nomade an Fahrt gewann. „Veska, ich bin drin. Los!“

„Wird gemacht“, sagte sie tonlos. Sie fragte nicht nach Krint. Das war gar nicht notwendig.

Durch das Aussichtsfenster sah er, wie der kleine Fleck, der Krints Körper war, in glitzernden Stürmen aus Felsen mit der Größe von Kontinenten verschwand, die unbeirrt auf die Nomade zustürzten.

Dann heulten die Triebwerke auf, und Sonoda wurde gegen die Wand gepresst. Durch das Aussichtsfenster wurden die Sterne länger und sahen aus wie Kometenschweife. Wie Pfeile, dachte er verbittert, und sank mit dem Kopf voraus nach unten. Dann verlor er das Bewusstsein und träumte das erste von unzähligen Malen von Krints angsterfülltem Gesicht.