Zusammenfassung

Die Mordesh von Grismara waren Meister der Alchemie und daher für das Dominion hochinteressant. Als ihr größter Gelehrter Victor Lazarin verkündete, er habe mit seinem Immerleben-Elixier das Geheimnis der Unsterblichkeit gelüftet, war die Freude auf dem Planeten groß. Binnen weniger Wochen erhielten Milliarden eine entsprechende Injektion und erfreuten sich an deren verjüngenden Auswirkungen. Aber das Elixier führte mit der Zeit zu schrecklicher körperlicher Degeneration und psychotischem Zorn mit kannibalistischen Neigungen. Während seine Welt bereits im Chaos versank, versuchte Lazarin verzweifelt ein Serum zu entwickeln, bevor er selbst den Symptomen erlag ...

1579 n.E. Der Fall Von Grismara

Zusammenfassung Liste
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Teil 1 Day of Celebration

Die Straßen von Grismara waren erfüllt mit Jubel, ein freudiger Chor, der sogar die Gesänge von Victors Namen übertönte. Er stand hoch über ihnen an der Brüstung des Observatoriums, legte den Arm um Lucy und blickte nach unten auf die gewaltige Menge. Sie waren aus dieser Höhe nur kleine Flecken, ohne jede Individualität, wie Protoplasmatropfen unter dem Mikroskop.

Dass er diese Analogie erkannt hatte, war sein größter Durchbruch gewesen. Alles Leben gehorchte denselben Regeln, tanzte zu demselben urzeitlichen Lied. Die Beherrschung der Unsterblichkeit war lediglich eine Frage der Kombination von Chemikalien in ihrer effektivsten Form. Der Tod war genau wie die Lichtgeschwindigkeit immer nur eine selbst auferlegte Grenze gewesen, und es erfüllte ihn mit Genugtuung, dass er sie so deutlich niedergerissen hatte. Das war nicht nur seine größte Errungenschaft gewesen, sondern es war die denkbar größte überhaupt: eine Zurechtweisung an das Universum, dessen grundsätzlichstes Gesetz von einem unwichtigen Wirbeltier gebrochen worden war. Und genau das, so verkündete er öffentlich, war auch sein Ziel gewesen.

Er hob Lucys kleine Hand hoch und ließ sie der Menge zuwinken, während die nächste Feuerwerksalve den Himmel erleuchtete. Der Kaiser des Dominion persönlich hatte die Pyrotechnik organisiert, als Zeichen ihres bevorstehenden Bündnisses. Trotz ihrer üblichen Hochnäsigkeit hatte er die Cassianer als überraschend zurückhaltend empfunden, zumindest bis er ihr Ersuchen um kostenlose Elixierproben zurückgewiesen hatte. Immer wieder hatte er wiederholen müssen, dass die Nebenwirkungen auf die Physiognomie anderer Spezies als der Mordesh unberechenbar waren und sogar tödlich verlaufen konnten.

Als der Jubel sich endlich legte, trat er an die Mikrofone. Er war erschöpft, aber es gab so viel zu sagen. Plötzlich wurde ihm klar, dass die Schreie aus unzähligen Kehlen in der Menge keineswegs Freude ausdrückten.

Als er sich umdrehte, um seine Forschungsassistentin zu fragen, ob sie das auch so empfände, schlossen sich bereits ihre Hände um seinen Hals.

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Teil 2 Ewiges Leben

Bis ins vergangene Jahrhundert waren die Mordesh von Grismara eine blühende Zivilisation gewesen, mit der es nur Cassus an Größe und Eleganz aufnehmen konnte. Die gesamte Galaxie beneidete sie um ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Alchemie. Als die Vorladung gekommen war und sie aufgefordert hatte, sich dem Dominion anzuschließen, schien ein Bündnis nahezu unausweichlich.

Die Pläne dafür waren fast fertig, als Victor Lazarin, der größte Alchemist in der Geschichte von Grismara, seine Absicht verkündete, „die Tyrannei der Sterblichkeit zu beenden“. Diese Idee verfolgten die Alchemisten der Mordesh schon seit Urzeiten. Wie sie sprach zwar auch Victor ganz allgemein davon, nach Freiheit von Krankheit und Alterung zu streben, aber eigentlich beherrschten dabei die kürzliche Krankheit und der Tod seiner Frau seine Gedanken.

Lazarin schloss sich jahrzehntelang in seinem Labor ein. Als er schließlich wieder herauskam, sein Gesicht eingefallen und sein Verhalten merkwürdiger denn je, waren viele seiner ob ihres Scheiterns bei diesem Problem gedemütigten früheren Kollegen freudig der Überzeugung, auch er werde nun in Schimpf und Schande seine Niederlage eingestehen müssen. Doch stattdessen präsentierte Victor seinen Erfolg: das Immerleben-Elixier, eine Substanz, die gegen Krankheiten, Alterung und Zellverfall immun machte. Seine Demonstration überzeugte den Hohen Rat, und triumphierend ordnete er die globale Verteilung des Elixiers an. Jede vergeudete Minute bedeutete Hunderte, wenn nicht Tausende vermeidbarer Todesfälle. Das Elixier ging umgehend in die Massenproduktion. Innerhalb einer Woche hatten Milliarden von Mordesh auf dem ganzen Planeten eine Injektion davon erhalten. Ausnahmslos alle zeigten Anzeichen einer beschleunigten Verjüngung, neuer Lebenskraft und erstaunlicher Verbesserungen der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Die Verluste häuften sich mit ungeheurer Geschwindigkeit. Und plötzlich stand eine Zivilisation mit Milliarden von Bürgern binnen weniger Wochen kurz vor dem Aussterben. In ihrer Verzweiflung wandten sich die Mordesh an ihre neuen Verbündeten um Hilfe. Die Reaktion des Dominion war eine völlige Quarantäne auf unbestimmte Zeit. Lazarin versuchte mit letzter Kraft, die vernichtenden Auswirkungen des Siechtums auf sein eigenes Nervensystem aufzuhalten, während er ruhelos an einem Impfstoff arbeitete.

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Teil 3 Die lange Nacht

Die Straßen Grismaras waren von Schreien erfüllt, ein krächzender Chor aus Panik und Zorn. Aus einem finsteren Appetit, der niemals gestillt werden konnte.

Victor war an einen Stuhl tief unter seinem früheren Anwesen gefesselt, und dennoch übertönte der Lärm die Nachrichten der Newsfeeds, die sich gegenseitig überdröhnten. Nur er und Lucy waren jetzt noch übrig. Trotz erster Erfolgsanzeichen war nun klar, dass es wieder ein Fehlschlag gewesen war. Wann hatte er sich die Substanz selbst injiziert? Vor drei Nächten?

Seine übergroßen grünen Finger zerrten wie wahnsinnig an den engen Fesseln, als hätten sie einen eigenen Willen. Er musste sich zusammenreißen. Lucy war auf ihn angewiesen. Wie alle anderen auch. Er musste einen neuen Versuch vorbereiten. Er war so dicht dran.

Lucys wilder Angriff gegen die Tür ließ ihn aufschrecken. Sie also auch. Er kannte die untrüglichen Anzeichen. Er hatte ihr sogar versichert, dass er es bei ihr niemals zulassen würde, und dabei insgeheim geschworen, dass er zumindest da sein wollte, wenn es geschah. Auf allen Bildschirmen bis auf einen war nur noch Rauschen zu sehen. Der innere Sicherheitsbereich war durchbrochen. Er hatte höchstens noch eine Stunde, bis sie sich ihren Weg zu ihm freikratzen und -graben würde. Die eindrucksvolle Lady Darkos hatte geschworen, dass sie innerhalb einer Stunde zurückkäme, um sie hier rauszuholen. Aber es schien, dass ihn das Schicksal nun eingeholt hatte.

Wenigstens konnte er sein Versprechen halten und am Ende bei Lucy sein. Sie hieb ihre Krallen immer noch gegen die Tür und verlangte Einlass. Er löste seine letzten Fesseln, kroch zur Tür und warf dabei Fläschchen und Tiegel um. Das war jetzt alles unwichtig. Als er die Schlösser öffnete, knurrte Lucy etwas Unverständliches von der anderen Seite. Er erstickte fast an seiner Trauer.

Und gerade als er die Tür öffnen wollte, erblickte er sich selbst in einem Spiegel. Und erstarrte. Sein Gesicht wirkte ... weniger monströs. Nach wie vor grotesk, aber ... lange nicht mehr so schlimm. Die letzte Versuch war ein Erfolg. Das Vitalus-Serum konnte die schlimmsten Folgen des Siechtums abwehren.

Dann öffnete sich die Tür nach innen, und Lucy stürzte in seine Arme. Durch ihre wenigen schwarzen Haarsträhnen konnte er die Ungetüme sehen, vor denen sie geflohen war, wie sie nach vorne stolperten und kreischten, schon so nah, dass er ihren fauligen Atem riechen konnte. Und dann schlugen er und Lucy ihnen die Tür direkt vor ihren fleckigen Nasen zu. Seine Tochter sah die gesundende Färbung seines Gesichts. In ihren Augen spiegelte sich zunächst eine Erkenntnis wider ... und dann wilde Entschlossenheit! Ihr Volk konnte gerettet werden, sie mussten nur noch ein wenig länger durchhalten.

Und dann schlugen die Horden Furchen in die Stahltür, während er und Lucy hektisch nach Dingen suchten, die sie als Barrikade verwenden konnten.