Zusammenfassung

In den Jahren der Langen Flucht hatte der alternde Pilot Dorian Walker sich bei den Verbannten den Ruf eines verlässlichen und kompetenten Pfadfinders erworben. Aber sein eigentliches Interesse galt ausschließlich dem Planeten Nexus, der legendären Welt der Eldan. Er widmete sein Leben den Hinweisen aus einem geheimnisvollen Buch und folgte ihnen bis zum Rand des Universums. Dabei war er überzeugt, dass er der Einzige war, der die Geheimnisse richtig entschlüsselt hatte. Doch was er schließlich am Ende seiner Reise fand, hätte weder er noch sonst jemand sich auch nur annähernd vorstellen können ...

1658 n.E. Die Entdeckung von Nexus

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Teil 1 Jenseits der Dunkelheit

Dorian Walker wischte die Kondenskristalle weg, die sich alle paar Sekunden neu bildeten, und tippte die Lebenserhaltungsanzeige des Schiffes an. Ein sinnloses Vorgehen, aber wenigstens änderten sich diese Zahlen, wenn auch zum Schlechteren. Natürlich gab es auch eine gute Seite. Dazustehen und den Zahlen dabei zu zusehen, wie sie stetig fielen, gab einem fast das Gefühl von Geschäftigkeit, statt einfach nur auf den Tod zu warten.

An allen Steuerungselementen auf der Brücke der Blauer Horizont blinkten Warnleuchten. Das ging nun schon seit über einer Woche so, und die bunten Muster vermittelten ihm einen Eindruck von Verspieltheit, der völlig fehl am Platz war. Zumindest waren sie besser als der Blick nach draußen. Seine Scanner versicherten ihm zwar stur, er sei von Tausenden von Sternen aller Größe und Helligkeit umgeben, aber sein bloßes Auge sah nur undurchdringliche Dunkelheit. Er hatte den Anblick schon oft in sich aufgenommen, aber noch nie hatte er ein derart starkes Gefühl von Einsamkeit ausgelöst. Das war nicht nur irgendein leeres Eckchen Weltraum, sondern die äußere Kante des Universums, weit jenseits der Grenzen des bekannten Alls. Er trieb ziellos durch ein Nichts, das kein Ende hatte, das absolut war.

Um seinen angeschlagenen Geisteszustand etwas länger zu wahren, hatte er die akustischen Alarmsignale deaktiviert. Er spürte irgendwie Mitleid mit dem Schiff, das ihm so treu gedient hatte, obwohl er ihm wirklich alles abverlangt hatte. Wenigstens würde man es in einer Woche oder auch einem Äon noch bergen können. Im Gegensatz zu ihm..

Er hatte kaum noch Sauerstoff und nur noch ein paar Krümel zu essen, die schlechter schmeckten als die Verpackung, aus der sie kamen. Und er wusste wovon er sprach, denn er hatte von beidem gekostet. Auch Wasser gab es nur noch tröpfchenweise, seit die Hydratorsicherung durchgebrannt war. Nur von einer Sache hatte er noch weniger als Trinkwasser: Ideen.

Dorian starrte auf den einzigen Knopf, der nicht blinkte. Der Einzige, der zählte. Die Energie des Schiffs reichte nur noch für einen weiteren Sprung ... einen kleinen. Danach hatte er nur noch Treibstoffdämpfe. Ein passendes Ende, dachte er bei sich, für einen Mann, der einem Hirngespinst hinterherjagt.

Sein müder Blick fiel auf das zerfledderte Buch neben seinem Ellenbogen. Wenn er es ansah, musste er an Familie denken, und dann dachte er immer an Belle.

Er hoffte, dass sie ihn im Gedächtnis behielt. Auch wenn er es wahrscheinlich gar nicht verdiente.

Er hoffte es trotzdem.

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Teil 2 Geisterwelt

Nach den Ereignissen auf Arboria war die Flotte der Verbannten schwer angeschlagen. Der Großteil der alten, mühsam zusammengeflickten Schiffsrümpfe war beschädigt und zerfiel langsam in seine Einzelteile. Die Vorräte, obwohl schon immer knapp, waren auf ein kritisches Maß zusammengeschrumpft. Ein weiterer konzertierter Angriff würde das Ende bedeuten. Aber genau das war nicht nur unvermeidlich, sondern wurde mit jedem Sprung exponentiell wahrscheinlicher.

Stunde um Stunde versuchten Ingenieure mit massivem Schlafentzug, in höchster Anspannung große Risse in Rümpfen wieder abzudichten und die letzten Treibstoffreserven zusammenzukratzen. In allen Gängen war mühsam verdrängte Verzweiflung zu spüren. Die Kommandanten der Verbannten warteten ungeduldig auf die Rückkehr der Kundschafter mit Meldungen über die Feindbewegungen. Wenn auch nur die Hälfte wieder auftauchte, galt das bereits als Grund zum Feiern.

Der älteste und geachtetste dieser Kundschafter war Dorian Walker. Seit Beginn der Langen Flucht hatte er sich als der hartnäckigste Späher der Flotte erwiesen, und als der mit dem meisten Glück. Dennoch kannte ihn niemand wirklich. Seitdem er seine Frau durch die Raumfahrerseuche verloren hatte, war er zunehmend schweigsamer geworden. Aber alle wussten, dass seine wahre Leidenschaft, übertroffen nur noch von der Sorge um das Wohlbefinden seiner Tochter Belle, Nexus war.

Seine Familie war seit Generationen von dem legendären Planeten geradezu besessen, schon bevor der Patriarch das seltene Buch mit dem Titel „Buch des Dominus“ zu Beginn des cassianischen Bürgerkrieges gekauft hatte. Alizar Walker war bis zu seinem Tod davon überzeugt, dass darin die Hinweise zur Position des Planeten verborgen waren. Eine Passage hatte seine Aufmerksamkeit ganz besonders erregt. Dort war kryptisch von „drei Himmelsjuwelen“ und dem „Fluss des grünen Feuers“ die Rede. (Dorian hatte Belles Reaktion darauf immer geliebt, die sie mit zwölf Jahren geäußert hatte: „Wenn sie wirklich wollen, dass wir kommen, warum schreiben sie dann nicht echte Koordinaten rein?“)

Jahrelang studierte Dorian alte Sternenkarten und Schiffslogbücher, durchkämmte sie nach Querverweisen, so abstrus sie auch sein mochten, suchte nach astronomischen Anomalien. Unermüdlich verhörte er Schmuggler, um detaillierte Berichte über die ungewöhnlichsten Dinge zu erhalten, die sie je gesehen hatten. Doch da es unzählige Dreifachsysteme, aber keine grünen Nebel gab, war das Unterfangen extrem mühsam.

Bis er eines Tages Erfolg hatte.

Das Glück tauchte in der ungewöhnlichen Form eines alten Raumveteranen namens Klegg auf, den er in einer heruntergekommenen Bar auf der Hasardeur fand. Seine Augen leuchteten auf, als Dorian ihm ein Bild des Nebels zeigte, das er selbst aus dem Buch kopiert hatte.

Klegg hatte die Koordinaten des Nebels nicht aufgezeichnet – aber nach einem weiteren Drink, so sagte er, könne er sich wahrscheinlich zumindest an den Quadranten erinnern. Mit klopfendem Herzen reichte ihm Dorian ein Glas.

Am nächsten Tag schrieb er einen kurzen Brief an Belle (und einen noch kürzeren, entschuldigenden an seine Vorgesetzten), stahl die Horizont und startete ins Unbekannte, fest davon überzeugt, dass die Erlösung nah war.

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Teil 3 Eine vielversprechende Landung

Dorian schwanden allmählich die Sinne, als er über der Navigationskonsole zusammensank. Noch Hunderte von Systemen, die untersucht werden mussten ... Plötzlich leuchtete etwas am Rand seines Sichtfelds. Mit all seiner Willenskraft zwang er sich dazu, die Augen zu öffnen.

Und sah ... sie.

Zuerst dachte Dorian, er würde halluzinieren. Eine ätherische weibliche Erscheinung schwebte über dem Boden und lächelte rätselhaft. Sie hob den Arm und deutete auf das nächstgelegene Fenster. Dorian blickte in die angezeigte Richtung und sah drei helle Lichter blinken, wo kurz zuvor noch nichts gewesen war. Er drehte den Kopf zurück, aber die Gestalt war verschwunden. Und dann sah er durch das Fenster die drei Lichter mit der Intensität einer Supernova aufflammen und im Anschluss völlig erlöschen. In seinem Gehirn pulsierte das Bild nach.

„Egal!“, dachte er. Selbst eine Halluzination im Delirium war besser als nichts.

Keuchend gab Dorian die Koordinaten ein.

Die Sterne explodierten. Dunkelheit überkam ihn.

Als er erwachte, badete er förmlich in milchigen Schächten aus blau-grünem Licht, das ein Mond durch das geborstene Aussichtsfenster warf. Er atmete ein. Die Luft schmeckte erdig.

Minuten später tauchten seine Füße in blauen Schlamm. Es dämmerte. Wälder aus bizarrer Flora schnitten gezackte Löcher aus dem Himmel. Er roch Holz und feuchtes Metall. Wasser sprudelte in einem Bach in der Nähe.

Über ihm erhob sich ein gewaltiges Artefakt mit fremdartiger Architektur. Er blickte hinauf zu seinen glänzenden Oberflächen, die von Nebel umspielt wurden. Seine Nähe löste ein Summen in seinem Kopf aus, als würde ein Insektenschwarm darin herumfliegen. Die unzerstörbare Spitze hatte bei seiner Landung ein Stück aus seiner eigenen Schwanzflosse geschlagen. Zum Glück war es nicht mehr.

Er konnte einfach nicht anders: Sein struppiger weißer Bart öffnete sich und zeigte ein breites, wildes Grinsen.

Billionen von Meilen entfernt von zu Hause, gestrandet auf einer fremdartigen, feindseligen Welt. Aber er hatte es geschafft. Das war Nexus. Es gab jetzt viel zu tun: das Schiff reparieren, Kontakt zur Flotte aufnehmen und die Besiedelung des Planeten vorbereiten.

Aber im Moment konnte Dorian nur daran denken, das Gesicht seiner Tochter wiederzusehen.